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Leseempfehlung (3)

Julian Barnes


Unter den zeitgenössischen britischen Schriftstellern, die mich besonders ansprechen, sticht der 1946 geborene Julian Barnes hervor. Seine Romane zu lesen ist ein mehrfaches Vergnügen: Denn zum einen versteht er es, mit der Sprache umzugehen, Ernst und Komik zu mischen. Andererseits ist offensichtlich, daß er sich mit seinen Stoffen gründlich beschäftigt, so daß der Leser herausgefordert ist, sich gedanklich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Ich möchte im folgenden einen seiner Romane etwas ausführlicher vorstellen:


Flauberts Papagei (Flaubert's Parrot, 1984)
Gleich zu Beginn läßt Barnes seine Hauptfigur - einen pensionierten britischen Arzt, der vor Ort Nachforschungen über Leben und Werk Flauberts (1821-1880) anstellt - sagen: "Er starb vor über hundert Jahren, und alles, was von ihm übrig ist, ist Papier. (...) Warum bringen uns die Schriften dazu, dem Schriftsteller nachzujagen? Warum reichen die Bücher nicht?" Damit ist die zentrale Frage dieses Romans gestellt: Kann man durch "Erinnerungsstücke" jeglicher Art einen Schriftsteller besser "begreifen“? Barnes hält dies für eine Illusion, was er auf zwei Ebenen dem Leser deutlich machen will:

Zum einen sind die folgenden vierzehn Kapitel von ihren Themen her eine Anhäufung von Details zu Flauberts Leben und Werk (im intellektuell vergnüglichen Wechsel von Darstellungsformen und Erzählperspektiven), alles zwar durchweg Tatsachen, aber wie eine Grabbelkiste, aus der sich jeder Flaubertliebhaber nach Lust und Laune bedienen kann. So ist z.B. das zweite Kapitel, ein kurzer Überblick über Flauberts Leben, allerdings in drei Varianten: einmal nur die Erfolge, dann die Mißerfolge, schließlich eine Zusammenstellung von Selbstaussagen Flauberts. Es folgen Kapitel für Trainspotter (Der Flaubert-Führer für Eisenbahngucker) und Feministinnen ("Und jetzt hören Sie einmal meine Geschichte an", sagt eine seiner Geliebten), ein Vorschlag für ein schriftliches Examen unter Berücksichtigung aller denkbaren Fächer, für die Flaubert etwas hergeben könnte (Die Kandidaten müssen vier Fragen beantworten ...), ein wissenschaftlicher Disput über Mme. Bovarys wahre Augenfarbe usw. Barnes deutet damit an, daß das Verständnis von Flaubert abhängt vom jeweiligen Interesse des Lesers: soviele Leser, soviele Flaubertbilder.
Zum anderen läßt Barnes auf der erzählerischen Ebene zunehmend seine Hauptfigur, und das heißt: dessen Leben und dessen persönliches Erkenntnisinteresse, in den Vordergrund treten, wodurch das Buch zu einer kunstvollen Verquickung von Fiktion und Realität, von Erzählung und Essay wird. Dem Leser wird also auch hier vorgeführt, wie das Selbstverständnis des pensionierten Arztes und seine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben sein Bild von Flauberts Leben und Werk beeinflußt und bestimmt.

Und der titelgebende Papagei (der in der Erzählung Un coeur simple eine wichtige Rolle spielt)?
Flaubert hatte sich während der Niederschrift (1876) ein Exemplar vom Museum ausgeliehen. Zwei Erinnerungsstätten beanspruchen, diesen Papageien auszustellen. Aber welcher ist es? Ist es überhaupt einer von beiden? Und erschließt sich einem dadurch die Erzählung besser?

Trotz allem: Was auch immer man von Barnes' Ausgangsfrage hält - man muß schon sagen, daß die Art, wie er seine These zu beweisen versucht, recht schlitzohrig ist, denn er nutzt diese Gelegenheit weidlich, um dem Leser sachkundig ein (sein) Flaubertbild zu vermitteln - was nicht erstaunlich ist, da Flaubert es ihm besonders angetan hat (so sehr, daß sein Essayband Tour de France (Something to Declare, 2002), in dem er sich als Frankreichliebhaber zu erkennen gibt, zu über der Hälfte von Flaubert handelt). Wer also nur den Wunsch hat, mehr über den Verfasser von Madame Bovary zu erfahren, sollte ebenfalls dieses Buch lesen.

Und wer Gefallen an Barnes gefunden hat, dem möchte ich ganz kurz noch folgende Romane nennen:
Als sie mich noch nicht kannte (Before She Met Me, 1982): ein Mann verstrickt sich immer mehr in Eifersucht auf die früheren Liebhaber seiner zweiten
Frau.- Darüber reden (Talking It Over, 1992): eine aus wechselnder Perspektive erzählte Dreiecksbeziehung.- England, England (England, England, 1998): Umbau der Isle of Wight zu einem Freilichtmuseum von "Old England" in naturgetreuen Repliken, samt königlicher Familie.

MichaelR

Michael R. - Gastautoren, Kunst und Kultur - 14. Oktober 2008 - 00:14
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