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Unsere Straße - Unser Kiez

Der vierte Abend der Reihe „Erlesener Kiez“ am 21. April in der Stadtteilbücherei bestand diesmal aus zwei Teilen und einem Epilog.

Im ersten Teil las Matthias Behlert aus Jan Petersens Chronik „Unsere Straße“. Die Auswahl der Textabschnitte ließ deutlich erkennen, wie die SA in kürzester Zeit sich die Stadt unterwarf und so das Leben im „kleinen roten Wedding“ vollständig veränderte: Von Spitzeln, Razzien und der Todesstrafe bedroht, waren politische Aktivitäten nur noch streng geheim möglich; schon wenn mehrere auf der Straße beieinanderstanden, machten sie sich verdächtig; bis in die persönlichen Träume hinein warf die Machtergreifung der NSDAP ihre Schatten; nur bei seltenen Gelegenheiten gab es noch öffentliche Zeichen von Widerstand. Die Berichte über Folter wurden den Zuhörern erspart.

Matthias liest in der Ingeborg-Bachmann-Bibliothek

 
Im zweiten Teil des Abends stand Elfriede Brüning im Mittelpunkt. Sie war 1932 das jüngste Mitglied des von Jan Petersen geleiteten Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller; heute ist sie die einzige Überlebende. Gerade als sie Anfang 1933 ihr erstes Buch fertiggestellt hatte, wurde der Bund verboten (daher erschien der sozialkritische Roman „Kleine Leute“ erst 1970 in der DDR). 1934 und 1935 arbeitete sie zusammen mit Jan Petersen in der Illegalität mit dem Ziel, wahrheitsgetreu über das Leben im „Dritten Reich“ im Ausland zu berichten. Auch hier brachte ein Spitzel das Ende, so daß sie 1935 verhaftet wurde und bis zu ihrem Freispruch vom Vorwurf des Landesverrats zwei Jahre lang in Einzelhaft saß. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte sie mit dem Schreiben von Unterhaltungsliteratur. Nach dem Krieg trafen sie und Jan Petersen sich wieder in der DDR, er erneut in leitender Position, sie als Verfasserin vielgelesener Bücher.

Elfriede Brüning - eine Zeitzeugin in der Ingeborg-Bachmann-Bibliothek



Der  Epilog des Abends, mit dem der Kreis zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschlossen wurde, bestand in der Vorstellung von zwei Vorhaben, die beide an die in Jan Petersens Buch geschilderten Ereignisse anknüpfen: In dem einen Vorhaben geht es darum, der Opfer der SA dort zu gedenken, wo sie im ehemaligen sozialdemokratischen „Volkshaus“ (in der heutigen Loschmidtstraße) gequält wurden; das zweite Vorhaben hat zum Ziel, all die Charlottenburger zu ehren, die in der ersten Hälfte der 30er Jahre von den Nazis auf offener Straße ermordet oder ins Zuchthaus und Gefängnis gesteckt wurden (Details folgen).

 
 
Die nächste Lesung aus dem Buch "Das Herz der Leopardenkinder" von Wilfried N’Sondé wird am Dienstag, 25. Mai 2010 um 19:00 Uhr im Jugendclub Schloß19 an der Schloßstraße 19 stattfinden. Der Autor wird selbst lesen.

MichaelR und maho

Michael R. - Gastautoren, Geschichte, Kunst und Kultur, Menschen im Kiez - 29. April 2010 - 00:20
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